MASTER NEGATIVE

NO. 94-82009

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The Columbia University Libraries reserve the right to refuse to accept a copylng order if, in its judgement, fulfillment of the order would involve violation of the Copyright law.

Author:

Pesch, Heinrich

Title:

Lehrbucli der nationalökonomie 3V

Place:

Freiburg im Breisgau

Date:

1914

^H'^ 200 9-1

MASTER NEGATIVE #

COLUMBIA UNIVERSITY LIBRARIES PRESERVATION DIVISION

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Business

DUO

P43

Pesch, Heinrich, 1854-1926.

Lehrbuch der nationalokcnomie Freiburg im Breisgau, Herdersche verlagshandlung, 1909- (^(.i.

Vol. 1, 2., neu bearbeitete aufl., 1914.

1. Economic s.

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NATIONALÖKONOMIE

ERSTER BAND

1 ;

LEHRBUCH

DER

NATIONALÖKONOMIE

VON

HEINRICH PESCH S.J.

Motto:

«Entzündet rings auf den Bergen weit Das flammende Feuersignal der Zeit: Gerechtigkeit!- (Fr. Eichert.)

ERSTER BAND

GRUNDLEGUNG

ZWEITE, NEU BEARBEITETE AUFLAGE

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FREIBURG IM BREISGAU HERDERSCHE VERLAGSHANDLUNG

1914 BERLIN, KARLSRUHE, MÜNCHEN, STRASSBURG, WIEN, LONDON UND ST LOUIS, MO.

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Imprimatur

Friburgi Brisgoviae, die 19 lanuarii 1914

Imprimi potest

4: Thomas, Archiepps

Panlns de Chastonay S. J.

Vice-Provincialis

DEM HOCHWÜRDIGSTEN HERRN

Dr PAULUS LEOPOLD HAFFNER

WEILAND BISCHOF VON MAINZ

AUFS GRAB GELEGT

=

Alle Rechte vorbehalten

Buchdruckerei der Her der sehen Yerlagshandlung In Freiburg

Aus dem Vorwort der ersten Auflage.

Einem edeln, geistvollen, menschenfreundlichen Manne ist dieses Werk gewidmet. Dr Paulus Leopold Haffner, der Nachfolger des Bischofs Wilhelm Emanuel v. Ketteier, hat durch manches ermutigende und ermunternde Wort mich gestärkt, nach den Verhältnissen, Mitteln und Möglichkeiten meines Berufes alle Kraft einzusetzen für das Werk der sozialen Reform. Dankbare Pietät veranlaßt mich, die Frucht meiner Arbeiten auf das Grab des hochseligen Bischofs niederzulegen. Doch auch dem hochwürdigen Klerus der Diözese Mainz, mit dem mich so viele Bande inniger Freundschaft verbinden, möge die Widmung als Beweis treuer Ergebenheit und herzlicher Liebe gelten.

Blicke ich zurück auf jene Männer, denen ich meine Ausbildung in der Philosophie, Jurisprudenz, Nationalökonomie verdanke, so muß ich vor allem den Rechtsphilosophen Theodor Meyer als denjenigen be- zeichnen, der nach der philosophischen Seite hin den größten Einfluß auf dieses Lehrbuch ausgeübt hat. Dazu kommen, neben den Dozenten der juiistischen Fakultät in Bonn, als Nationalökonomen Erwin Nasse, von den staatswissenschaftlichen Professoren der Berliner Hochschule Gustav v. Schmoller, Max Sering und namentlich Adolf Wagner, unter den zeitgenössischen deutschen Nationalökonomen unbestritten der hervor- ragendste Theoretiker. Es ist mir geradezu ein Herzensbedürfnis, meinem hochverehrten Lehrer, Sr Exzellenz dem Wirklichen Geheimrat Herrn Prof. Dr Wagner, auch vor der Öffentlichkeit zu danken für das auf- richtige Wohlwollen, mit welchem er jederzeit den katholischen Geistlichen begegnete, welche das Glück hatten, zu seinen Schülern zu gehören.

Was nun dieses Lehrbuch selbst betrifft, so habe ich mich bemüht, ein einheitliches System der Volkswirtschaftslehre aufzubauen, dessen Besonderheit in der konsequenten Durchführung der anthropozentrischen und organischen Auffassung des nationalen Wirtschaftslebens besteht, in der Verbindung der kausalen und teleologischen Betrachtungsweise, in der Be- tonung des Staatszweckes und seiner Bedeutung für die Erkenntnis der Aufgaben und der Einheit der Volkswirtschaft, in der Hervorhebung des praktischen Charakters der Volkswirtschaftslehre, in der Verbindung der induktiven und deduktiven, der analytischen und synthetischen Methode usw.

Luxemburg-Stadt (Bellevue), den 8. Dezember 1904.

VIII

Vorwort zur zweiten Auflasse.

Vorwort zur zweiten Auflage.

Was bei dem Umfang des Gesamtwerkes und bei der relativ be- träcbtlichen Stärke der Auflage kaum zu erwarten stand, ist eingetreten. Eine Neuauflage der Grundlegung wurde nötig, und zwar vor Vollendung des ganzen Lehrbuchs, dessen vierter Band ja noch aussteht.

Wo Änderungen in der neuen Auflage vorgenommen wurden, da handelte es sich vornehmlich um eine klarere Fassung, Entwicklung, Be- gründung des Lehrstoffes, teilweise allerdings auch um nicht unwesentliche Ergänzung desselben. Daher der um 93 Seiten größere Umfang der Neu- auflage. Insbesondere mußten die neueren und neuesten Fragen und Kontroversen entsprechende Berücksichtigung finden, wie ebenfalls die Literatur, in den wichtigsten Erscheinungen, bis auf die Gegenwart ver- wertet wurde. Diesbezüglich galt mir, wie bisher, als Regel, was Leibniz in seinen Lebenserinnerungen bemerkt : in den Schriften anderer Autoren habe ich lieber den eigenen Nutzen gesucht als den Stoff zur Bekämpfung fremder Ansichten.

Berlin-Marienfelde, 1. Januar 1914.

Heinrich Pesch S. J.

Inhaltsübersicht.

Seite

Aus dem Vorwort der ersten Auflage ........ vii

Vorwort zur zweiten Auflage vin

Grundbegriffe nnd grundlegende Wahrheiten:

I. Namr und Mensch . . . 1— 74

II. Gesellschaft und Gesellschaftswissenschaft 75—146

III. Drei Grundpfeiler der Gesellschaftsordnung . . 147—235

lY. Die Volkswirtschaft und ihr Organisationsprinzip . . . 236 438

V. Die Volkswirtschaftslehre . 439—565

Erstes Kapitel. Natur und Mensch

1-74

8

§ 1. Der Mensch Herr der Welt nach Gottes Gebot 1-

1. Tatsache und Grund der Herrschaft des Menschen über die äußere Welt (S. 2). 2. Zweck und Norm jener Herrschaft (S. 2). 3. Der Be- griff Bedürfnis (S. 3). 4. Einteilung der Bedürfnisse (S. 4). 5. Psycho- logie und nationalökonomische Lehre von den Bedürfnissen (S. 7). 6. Sitt- liche Grenze der Bedürfnisse (S. 8).

§ 2. Die Arbeit als Mittel der Weltbeherrschung 9—17

7. Begriff und Wesen der Arbeit (S. 9). 8. Das Gesetz der Arbeit (S. 10). - 9. Wirtschaftliche Arbeit (S. 11). 10. Wirtschaft, Wirtschafts- einheit, Wirtschaftsbetrieb (S. 11). 11. Technik und Ökonomik (S. 12). 12. Das Prinzip der Wirtschaftlichkeit (S. 14). 13. Die , wirtschaftliche Natur des Menschen" (S. 15). 14. Der Mensch stets und überall Subjekt und Ziel der Wirtschaft (S. 17).

§ 3. Der Dieost der äußeren Natur ......... 18—28

15. Die Welt immerdar Gottes Eigentum (S. 18). 16. Der Begriff Gut (S. 18). 17. Der Wert (S. 19). 18. Die Objektivität des Wertes (S. 20). 19. Begriffsbestimmung des Wertes (S. 21). 20. Wirtschaft- liches, ökonomisches Gut (S. 22). 21. Die Materialität der ökonomischen Güter (S. 23). 22. Einteilung der ökonomischen Güter (S. 25). 23. Ökonomischer Wert (S. 26). 24. Die Bemessung des Wertes (S. 26).

§ 4. Der Mensch Herr der Welt inmitten der Gesellschaft . . . 28—74

25. Die soziale Natur des Menschen (S. 29). 26. Die Arbeitsvereinigung und die Arbeitsteilung (S. 30). - 27. Der sittliche Rahmen und das sitt- hche Band der menschlichen Gesellschaft (S. 32). 28. Das Prinzip der Solidarität (S. 33). - 29. Solidarität und ökonomisches Prinzip (S. 36). - 30. Tausch und Tauschverkehr (S. 37). - 31. Der Güterwert im Tausch- verkehr (S. 40). - 32. Begriff des Tauschwertes (S. 45). - 33. Tausch-

Inhaltsübersicht.

Inhaltsübersicht.

XI

II

wert und Kostenwert (S. 49). 34. Teleologische Auffassung des Wertes (S. 51). 35. Die „klassische" Werttheorie (S. 53). 36. Die Grenz- werttheorie (S. 61). 37. Preis, Geld, Kredit (S. 70). 38. Das Leben der Einzelwirtschaft in der Gesellschaft (S. 71).

Seite

Zweites Kapitel. Gesellschaft und Gesellschaftswissenschaft

75-146

§ 1. Begriff und Geschichtliches . . . 75—83

39. Gesellschaft und gesellschaftlicher Verband (S. 75). 40. Die Gesell- schaftswissenschaft (S. 77). 41. Philosophische und geschichtliche Be- trachtung (S. 79). 42. Sozialwissenschaft und Staatswissenschaft (S. 82).

Seite

§ 3. Die Privateigentumsinstitutiou 189 235

74. Begriff (S. 190). 75. Eigentumstheorien (S. 190). 76. Speziell die naturrechtlich-ökonomische Eigentumstheorie (S. 199). 77. Das natür- liche Recht des Menschen, Eigentum zu erwerben (S. 201). 78. All- gemein kulturelle, ökonomische und soziale Begründung der Privateigentums- institution (S. 207). 79. Der ältere Agrarsozialismus und die neuere Bodenreformbewegung (S. 214). 80. Der Erwerb wirtschaftlicher Güter (S. 220). 81. Schranken des Eigentums (S. 228). 82. Geschichtliche Entwicklung der Eigentumsformen (S. 224). 83. Vermögen (S. 226). 84. Wohlstand, Reichtum (S. 22«). 85. Einkommen (S. 232).

§ 2. Die -evolutionistische* Soziologie

83—97

43. Die Aufgabe der Soziologie und ihre Eigenart im evolutionistischen Sinne (S. 83). 44. Die soziologischen Schulen (S. 85). 45. Die intel- lektuelle oder psychologische Schule Comtes (S. 86). 46. Die biologische oder organische Schule von Herbert Spencer (S. 89). 47. Die ökonomische Schule im Sinne der Marx-Engelsschen Theorie (S. 92), 48. Rückblick auf die verschiedenen Schulen und ihre Lehren (S. 93). 49. Frage nach der Möglichkeit einer empirischen Soziologie (S. 95).

§ 3. Die gesellschaftliche Entwicklung in kausaler und teleologischer Betrach-

*"°S 98—132

50. Allgemeine Frage nach den Faktoren, welche die geschichtliche Ent- wicklung bedingen und bestimmen (S. 100). 51. Gibt es bestimmte Ge- setze der geschichtlichen Entwicklung? (S. 101). 52. Sind es die Massen oder die Individuen, die den bestimmenden Einfluß auf die gesellschaftliche Entwicklung ausüben? (S. 109). -- 53. Ist die Fragestellung nach dem, was sein soll, mit Rücksicht auf das soziale Geschehen, wissenschaftlich berechtigt und wissenschaftlich notwendig? (S. 120). 54. Das Telos in der christlichen Philosophie (S. 124). 55. Die Teleologie der Menschheits- geschichte (S. 129).

§ 4. Das Wesen der menschlichen Verbände 132—146

56. Wesen und Gesetz (S. 132). 57. Wesenselemente der Gesellschaft (S. 133). 58. Begriffsbestimmung (S. 139). 59. Die Gesellschaft als Organismus (S. 139). 60. Der Verband als , Persönlichkeit" (S. 144).

Viertes Kapitel. Die Volkswirtschaft und ihr Organisationsprinzip

236-438

Drittes Kapitel. Drei Grundpfeiler der Gesellschaftsordnung 147-

§ 1. Die Familie 147.

61. Begriff und Zweck (S 147). 62. Geschichtliches über Ehe und Fa- milie (S. 148). 63 Die wirtschaftliche Funktion der Familie (S. 152).

64. Die gesellschaftliche Bedeutung eines gesunden Familienlebens (S. 154). § 2. Der Staat I59.

65. Grund und Ursprung des Staates (S. 160). 66. Die geschichtliche Entwicklung des Staates (S. 160). 67. Wichtigkeit der naturrechtlichen Grundlage (S. 163). 68. Geschichtlicher und natürlicher Zweck des Staates (S. 165). 69. Die öffentliche Wohlfahrt als Staatszweck (S. 168). 70. Staatliche Politik, Wirtschaft«- und Sozialpolitik (&. 172). 71. Der Staatssozialismus (S. 174). 72. Die Autorität im Staate (S. 184). 73. Der Staat als moralischer Organismus (S. 187).

-235 159

189

§ 1. Theorien über die Stufen der wirtschaftlichen Entwicklung . . 236—261

86. Wirtschaftsstufen nach der Art der Güterbeschaftung (S. 237).

87. Natural- und Verkehrswirtschaft (S. 238). 88. Naturalwirtschaft, Geldwirtschaft, Kreditwirtschaft (S. 239). 89. Hauswirtschaft, Stadt- wirtschaft, Volkswirtschaft (S. 241). 90. Bemerkungen zur Bücher- Schmollerschen Theorie (S. 243).

§ 2. Der Begriff: Volkswirtschaft 261 273

91. Wortanalyse mit Folgerungen (S. 262). 92. Die Einheit der Volks- wirtschaft (S. 264). 93. Aufgabe der Volkswirtschaft (S. 266). 94. Be- griffsbestimmung (S. 267). 95. Verhältnis der Volkswirtschaft zu den Einzelwirtschaften und zur Staatswirtschaft insbesondere (S. 268). 96. Volkswirtschaft und Weltwirtschaft (S. 269). 97. Das Organisations- prinzip der Volkswirtschaft (S. 270).

§ 3. Individualismus , 273 303

98. Philosophischer Ausgangspunkt des Individualismus (S. 274). 99. Die physiokratische Freiheitslehre (S. 278). 100. Der individualistische Frei- heitsgedanke bei Adam Smith (S. 281). 101. Das freiwirtschaftliche Prinzip im allgemeinen (S. 290). 102. Der Individualismus im Gewände dar- winistischer Soziologie (S. 298).

§ 4. Sozialismus 3Q3 gno

103. Name und Begriff (S. 305). 104. Die Staatsromane (S. 309).

105. Theorien der älteren französischen und englischen Sozialisten (S. 311).

106. Organisationspläne des „kritisch-utopistischen " Sozialismus (S. 318).

107. Verhältnis des Marxistischen Sozialismus zu den älteren sozialistischen Theorien (S. 323). 108. Weltanschauung des modernen Sozialismus (S. 330). 109. Die materialistische Geschichtsauffassung (S. 333).

110. Die besondern Bewegungsgesetze der kapitalistischen Epoche (S.344).

111. Die Marxsche Werttheorie (S. 346). 112. Kritik der Marxscheu Werttheorie (mit Verelendungstheorie) (S. 351). 113. Die Krisentheorie und das Konzentrationsgesetz (S. 366). 114. Der innere Auflösungs- prozeß des Marxistischen Sozialismus (S. 368). 115. Der Zukunftsstaat (S. 380). 116. Der Anarchismus (S. 384).

§ 5. Solidarismus gg2 430

117. Die Solidaritätsidee in verschiedener Gestaltung (S. 393). 118. Ver- tiefung des Solidaritätsgedankens durch Roeslers Lehre vom sozialen Gesetz (S. 405). 119. Der Solidarismus als System in seinem Begriff und in

XII

Inhaltsübersicht.

Seite seiner Bedeutung (S. 414). 120. Der Solidarismus verglichen mit Indi- vidualismus und Sozialismus (S. 415). 121. Das Solidaritätsprinzip als Organisationsprinzip der Volkswirtschaft (S. 430). 122. Ein soziales Arbeitssystem als volkswirtschaftliches System (S. 435).

Fünftes Kapitel. Die Volkswirtschaftslehre . . 439—565

§ 1. Charakter, Gegenstand, Aufgabe der Volkswirtschaftslehre . . 439—478 123. Das Wort , Nationalökonomie" (S. 439). 124. Begriff der National- ökonomie als Wissenschaft (S. 440). 125. Ihr Material- und Formal- objekt (S. 440). 126. Die Nationalökonomie ist wahre Wissenschaft (S. 445) 127. Die Volkswirtschaftslehre eine sozial- und staatswissen- schaftliche Disziplin, Volks- und Weltwirtschaftslehre (S. 446). 128. Die Volkswirtschaftslehre eine ökonomische Disziplin (S. 449). 129. Volks- wirtschaftslehre und Privatwirtschaftslehre (S. 451). 130. Die Volks- wirtschaftslehre ist eine praktische Wissenschaft (S. 456). 131. National- ökonomie- und Wirtschaftspolitik (S. 468).

§ 2. Die Nationalökonomie in ihrem Verhältnis zu den Gesellschaftswissenschaften

und zur Moral . 478 516

132. Die Verselbständigung der Nationalökonomie (S. 478). 133. Die Nationalökonomie heute ein besonderer Wissenszweig (S. 481). 134. Die Verselbständignng der Nationalökonomie besagt aber nicht deren Isolierung (S. 483). 135. Hilfswissenschaften der Nationalökonomie (S. 483).

136. Folgerungen für die Volkswirtschaftslehre aus ihrem Verhältnis zur Ge- sellschaftslehre und aus ihrem staatswissenschaftlichen Charakter (S. 486).

137. Nationalökonomie und Moral (S. 488). 138. Einwendungen (S. 493).

139. Die „ethische Richtung' in der Nationalökonomie (S. 500).

§ 3. Gesetze der Volkswirtschaft 516—530

140. Das Gesetz der Volkswirtschaft (S. 517). 141. Gesetze, die für die Volkswirtschaft und Volkswirtschaftslehre von großer Bedeutung sind (S. 518). 142. Ergebnisse, Grundsätze und Erkenntnisquellen (S. 528).

§ 4. Methodenfrage 530—557

143. Methode der klassischen Nationalökonomie (S. 531). 144. Die historische Schule (S. 537). 145. Die österreichische, sog. analytische oder psychologische Schule (S. 541). 146. Die mathematische Methode (S. 545). 147. Verbindung von philosophischer und positiver Betrachtung, der induktiven und deduktiven, analytischen und synthetischen Methode (S. 547). 148. Verschiedenheit der Methoden im Hinblick auf das Ver- hältnis von Ethik und Nationalökonomie (S. 552). 149. Die Universalität nationalökonomischer Erkenntnis (S. 553).

§ 5. Einteilung der Volkswirtschaftalehre 557 565

150. Verschiedene Auffassungen älterer und neuerer Zeit (S. 557).

151. Allgemeine und besondere Volkswirtschaftslehre in unserem Sinne (S. 562).

Personenregister 567

Sachregister 574

Erstes Kapitel. Natur und Mensch.

Nicht alle Wahrheiten und Begriife, deren die Volkswirtschaftslehre bedarf, werden von ihr selbst aufgefunden. Viele Ideen sind dem all- täglichen Leben geläufig, ehe die wissenschaftliche Reflexion sich derselben bemächtigt und sie durch klarere Fassung, genauere Begrenzung vervoll- kommnet. Manche Wahrheit, welche dem Nationalökonomen als leitender Grundsatz vorschweben muß, hat ihre Heimat im Gebiete anderer Wissen- schaften, wo sie formuliert, geprüft, begründet wird.

Zu diesen von der Volkswirtschaftslehre vorausgesetzten, zum Teil auch in der Anwendung auf das wirtschaftliche Gebiet weiter entwickelten Wahrheiten gehören insbesondere gewisse Lehren, die sich beziehen:

a) auf die Stellung des Menschen zur äußeren Natur,

b) auf das Verhältnis der Güterwelt zum Menschen,

c) auf das gesellschaftliche Leben.

Mit denselben werden wir uns vorerst zu beschäftigen haben.

§ 1. Der Mensch Herr der Welt nach Gottes Gebot.

Litepatnr: Theod. Meyer, Die Arbeiterfrage und die christlich- ethischen Sozial- prinzipien* (1904) 19 ff. Ebenhoch, Wanderungen durch die GesellschaftspoUtik (1896) 20 ff. ~ V. Hermann, Staatswirtschaftliche Untersuchungen« (1870) 1—103. Röscher, System der Volkswirtschaft. I : Grundlagen der Nationalökonomie, 1. Aufl. 1854; 23. Aufl. 1900 (jetzt bearbeitet von Pöhlmann), Kap. 1, § 1. - A. Wagner, Lehr- und Handbuch der polit. Ökonomie. I: Grundlegung der polit. Ökonomie, 1. Halbband» (1892) 73 ff. V. Schäffle, Das gesellschaftliche System der menschlichen Wirtschaft I (1873) 98 ff. Schmoller, Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre I*-^ (1901) 22 ff. Conrad, Grundriß zum Studium der polit. Ökonomie P (1900) 21 ff. Cohn, System der Nationalökonomie. I: Grundlegung (1885) 273 ff - Jentsch, Grundbegriff J und Grundsätze der Volkswirtschaft (1895) 17 ff - v. Philippovich, Grundriß der polit. Ökonomie P (1912) 3 f. Neumann, Grundlagen der Volkswirtschaftslehre I (1889) 34 ff - Cuhel, Zur Lehre von den Bedürfnissen (1907). - Amonn, Objekt und Grund- nlnV 1^^"^ ^^^«'^^^ischen Nationalökonomie, in Wiener staatswissenschaftliche Studien X (1911), 1. Hft. Brentano, Versuch einer Theorie der Bedürfnisse (Bayrische Akademie

J'Tf J"^'"'' ^^^^' ^^- Abh^^dl'^^g)- - C. S. Devas, Groundwork of Economics Ä o ..^ T , <? ~ Maurice Block, Les Progres de la Science ^conomique depuis A. Smith I (1890) 81 ff. 4 f »

Pe seh, Lehrbuch der Nationalökonomie. L 2. Aufl. i

2

Erstes Kapitel. Natar und Mensch.

1. Tatsache und Grund der Herrschaft des Menschen über die änfiere Welt. Die Tatsache der Herrschaft des Menschen über die Welt ist unbestritten ; sie findet stets neue Bestätigung im Verlaufe der Geschichte durch jeglichen Fortschritt im Bereiche der materiellen Kultur.

Ihren Grund aber hat sie in dem Willen Gottes, der den Stamm- vater unseres Geschlechtes zur Herrschaft berief, der dem Menschen die vernünftige Natur und damit eine \Vesentliche Erhebung verlieh über den bloßen Stoff. Ohne Voraussetzung dieser Erhebung entbehrt die Be- herrschung der äußeren Welt durch den Menschen sowohl in ihrem Anfang als in ihrer Weiterentwicklung jeder ausreichenden Erklärung, jeder praktischen Bedeutung.

Hieraus ergeben sich zwei wichtige Folgerungen:

a) Die Grundlagen jener Herrschaft sind unveränderlich; ihre besondere Ausgestaltung ist veränderlich.

Die menschliche Natur ist nicht . das Werk der Geschichte, sondern der Schöpfung. In ihren inneren physischen und metaphysischen Wesens- elementen bleibt sie aller historischen Wandelbarkeit entrückt. Immer und überall ist der Mensch aus Leib und Seele zusammengesetzt, immer und überall ein sinnlich-vernünftiges Wesen. Aber die in seiner Wesen- heit einbeschlossenen Eigenschaften und Kräfte gleichen Keimen, die der Entfaltung fähig und bedürftig sind für das Individuum wie für die Gattung. Sie werden bei ihrer Fortbildung und Ergänzung durch äußere Bedingungen und wandelbare Verhältnisse beeinflußt. Insbesondere die tatsächliche Geltendmachung, die Befestigung und Erweiterung, die besondere Form und die konkrete Gestaltung der Herrschaft des Menschen über die Körper- welt vollzieht sich in einem langwierigen, nur allmählich fortschreitenden Prozeß, angefangen von der „Nahrungssuche" der Urvölker bis zu den Formen einer umfassenden, machtvollen Bewältigung von Stoff und Kraft.

b) Die vernünftige Natur ist Gemeingut aller Menschen. Alle sind darum auch in irgend einer Form zur Teilnahme an der Herrschaft über die äußere Welt berufen. Alle müssen in irgend einem Grade teil- nehmen können an den Früchten jener auf die vernünftige Natur ge- gründeten Herrschaft. Das intensive und extensive W^achstum dieser Teilnahme gilt wie die Ausdehnung der Weltbeherrschung als Kennzeichen fortschreitender Kultur.

2. Zweck und Norm jener Herrschaft. Ohne den Dienst der äußeren Natur wäre die Voraussetzung und die materielle Grundlage jedes höheren Kulturstrebens dem Menschen genommen, ja das bloß physische Dasein und Fortbestehen unmöglich gemacht. Die Erhaltung und Entfaltung des Lebens, die Entwicklung der körperlichen und geistigen Fähigkeiten vollzieht sich vermittels des Dienstes der Dinge, die uns umgeben. Die Welt ist unsere Wohnung, unser Garten, unser Arbeitsfeld. Sie dient dem Geiste als Gegenstand seiner Forschung, führt uns zur Erkenntnis

§ 1. Der Mensch Herr der Welt nach Gottes Gebot. 3

und zur Liebe des Schöpfers. Aus ihr können und sollen wir unser Leben und unsere Macht ergänzen, diejenigen Gegenstände entnehmen, deren wir zur Fortsetzung und Vervollkommnung unseres Lebens benötigen. Wenn daher auch der tiefere, ideale Grund der Herrschaft des Menschen über die Welt in seiner Gottähnlichkeit, der letzte und höchste Zweck in seiner überirdischen Bestimmung gesucht werden muß, so hat doch dieselbe Herrschaft zugleich einen höchst reellen näheren Grund und Zweck, der sich aus den natürlichen Bedingungen unseres leiblichen und geistigen Daseins hienieden ergibt.

Der Mensch wird eben durch seine und der Dinge Natur ge- zwungen, die Erde planmäßig und beständig in Dienstbarkeit zu bringen und zu erhalten, da er allein so die Befriedigung seiner Bedürfnisse erlangen und auf die Dauer sichern kann.

3. Der Begriff Bedürfnis. Als ein begrenztes Wesen besitzt der Mensch in sich selbst nicht alles, dessen er benötigt. Er fühlt und erkennt die Möglichkeit und Notwendigkeit einer Ergänzung durch etwas was zur Erhaltung und Entfaltung seines Seins, seiner Fähigkeiten, zur Befriedigung seiner Wünsche, zu seinem irdischen Glück und Wohlbefinden gehört, dessen er daher in geringerem oder größerem Maße und Grade bedarf.

Das Bedürfnis, in subjektiver Betrachtung, ist somit das Ge- fühl und Bewußtsein eines Mangels, verbunden mit dem Verlangen, das Fehlende zu gewinnen, den Mangel zu beseitigen.

Im objektiven Sinne bezeichnet ^Bedürfnis" die Notwendigkeit, Nützlichkeit, Angemessenheit einer Ergänzung, den Zustand des Mangels in einem bestimmten Punkte, dann auch die Sache selbst, deren man bedarf.

Die Gesamtheit der Bedürfnisse überhaupt oder in einer gewissen Be- ziehung heißt Bedarf.

Wenn die Bedürfnisse einerseits eine bestimmte Abhängigkeit bedeuten oder verursachen, so steht anderseits die Art und der Umfang derselben in inniger Beziehung zu der spezifischen Vollkommenheit und Entwick- lungsfähigkeit dessen, der die Bedürfnisse hat. Je höher die Gattung ist, der ein Lebewesen angehört, je komplizierter sein Lebensprozeß verläuft,' um so zahlreicher sind seine Bedürfnisse. Der Mensch ist objektiv be^ dürfnisreicher als das Tier, und dieses hat mehr Bedürfnisse als die Pflanze. Es ist ein Beweis für die wesentliche Erhebung des Menschen über das Tier, daß er mit fortschreitender Kultur seine Bedürfnisse erweitern, ver- feinern und für deren Befriedigung geeignetere Mittel sich verschaffen kann. So legen also die Bedürfnisse Zeugnis ab zugleich von der Schwäche wie von der Größe der menschlichen Natura

M Qr' ^' fnol:. f "«^ö^^li^I^es Lehibuch der praktischen Ökonomie, übersetzt von M. Stimer I (1845) 8. Vgl. M. H. Baudrillart, Manuel d'Economie politique' (1872) 23-;

j Erstes Kapitel. Natur und Mensch.

Die praktiÄjhe Entwicklung, die tatsächliche Erweiterung der Bedürfnisse kann folgerichtig nicht als verderblich und verwerf- lich schlechthin abgewiesen werden. Im Gegenteil zeigt sich darin ein durchaus berechtigter, ja notwendiger Fortschritt, der von selbst mit wachsender Beherrschung der äußeren Welt und der dadurch eröffneten Möglichkeit ausgedehnterer und erhöhter Bedürfnisbefriedigung gegeben ist. Freilich ist hierbei jedes Übermaß zu vermeiden. Auch die Ent- artung hat ihre „Bedürfnisse".

Insofern es sich um eine Entwicklung handelt, welche wiederum an die allen Menschen gemeinsame vernünftige Natur anknüpft, ergibt sich ferner auch hier als logische Folgerung, daß alle Menschen berechtigt und berufen sind, an den Fortschritten der materiellen Kultur durch er- weiterte oder verbesserte Bedürfnisbefriedigung in entsprechender Weise teilzunehmen.

4. Einteilung der Bedürfnisse. Entsprechend dem sinnlich-geistigen Wesen des Menschen und mit Rücksicht auf denjenigen Bestandteil der menschlichen Natur, dem unmittelbar das Bedürfnis zugeschrieben wird,

müssen

a) materielle und immaterielle, leibliche und geistige Be- dürfnisse unterschieden werden. Die leiblichen Bedürfnisse sind beschränkt; das seelische Begehren dagegen ist in sich unbegrenzt, durch keine irdische Befriedigung gesättigt. Wie Geist und Körper wesentlich verschiedenen Stufen des Seins angehören, so bilden auch die materiellen und im- materiellen Bedürfnisse wesentlich verschiedene Bedürfnissphären. Und wenn der Körper dem Geist nicht bloß untergeordnet sein soll, sondern eben deshalb untergeordnet sein soll, weil er ihm seinem innersten Wesen nach untergeordnet ist, so gilt ein Gleiches von der Befriedigung körper- licher Bedürfnisse in ihrem Verhältnis zur Befriedigung der Bedürfnisse der geistigen Ordnung.

Die natur- und vernunftgemäße Unterordnung alles rein Materiellen unter das Immaterielle läßt die wahre und volle Bedeutung des Stofflichen und der materiellen Bedürfnisse unangetastet. Als Voraussetzung geistiger Befriedigung und Entwicklung und im Dienste derselben findet die materielle Ordnung der Dinge vielmehr ihre höchste Vollendung.

Man unterscheidet ferner je nach Herkunft und Grund:

b) angeborene imd angenommene Bedürfnisse. Die ersteren beruhen auf der Natur, die letzteren auf der Erziehung oder individuellen Angewöhnung, oder auf den allgemeinen Forderungen der gesellschaft- lichen Kulturstufe. Der zivilisierte Europäer hat mehr Bedürfnisse als der Wilde Afrikas. Je nach dem Aufwände, der im elterlichen Hause

Karl Mario, Untersuchungen über die Organisation der Arbeit oder System der Welt- ökonomie» (1886) II 437 501; III Uf; Lehr-Heckel, GrundbegriflFe der National- ökonomie' (1901) 51 ff.

§ 1. Der Mensch Herr der Welt nach Gottes Gebot. 5

herrscht, vergrößern oder verringern sich die Bedürfnisse der Kinder. Derjenige, der z. B. sich an den Gebrauch des Tabaks gewöhnt hat, wird denselben nicht leicht missen können usw.

Dieser Einteilung entspricht die Unterscheidung zwischen Bedürfnissen, die bloß auf Grund besonderer Umstände, tatsächlicher, geschichtlich gegebener Verhältnisse bestehen, vorzugsweise durch Gewohnheit, Sitte, Standesangehörig- keit u. dgl. bedingt sind, und anderseits dauernden, allgemeinen Bedürfnissen, deren Befriedigung zur Erhaltung des Lebens notwendig ist, wie regelmäßig Nahrung, Kleidung, Wohnung nicht entbehrt werden können. Im gewöhnlichen Leben, aber auch in der Wissenschaft, werden die Gegenstände, welche zur Befriedigung der Bedürfnisse letzterer Art dienen, schlechthin als notwendige, unentbehrliche Be- dürfhisse oder Lebensbedürfnisse, ihre Gesamtheit als Lebensbedarf, bezeichnet.

Um den Grad der Dringlichkeit der Bedürfnisse hervorzuheben, be- dient man sich auch einer mit der vorherigen verwandten Unterscheidung, nämlich zwischen

c) Existenz- und Kulturbedürfnissen oder zwischen Natur-, Anstands- und Luxusbedürfnissen. Der Name allein erklärt hin- reichend Bedeutung und Tragweite dieser Begriffet

Die vitalen Bedürfnisse verlieren mit dem Kulturfortschritt nicht an Kraft. Sie kleiden sich aber (z. B. das Verlangen nach Speise und Trank) wohl all- mählich in Formen, die ihre Stärke weniger brutal hervortreten lassen. Auch steht zur Befriedigung des einzelnen Bedürfnisses bei höherer Kultur regelmäßig eine größere Auswahl von Mitteln zur Verfügung, so daß das einzelne Gut minder begehrt erscheint als auf einer niedrigeren Stufe.

Die Berücksichtigung des geschichtlichen Momentes ist nicht ohne Bedeutung für die richtige Erfassung und Bemessung der Begriffe , Lebenshaltung* und „Existenzminimum".

, Existenzminimum" bezeichnet den Minimalbedarf an materiellen Gütern, die zur Erhaltung des Lebens als schlechthin notwendig erachtet werden. Es handelt sich dabei also bloß um die Existenz- oder Naturbedürfnisse des Menschen, deren Befriedigung durch jenes Minimum gesichert wird. Das „Existenzminimum* gestaltet sich verschieden auf niederen und höheren Kulturstufen, indem die Naturbedürfnisse in Bezug auf Nahrung, Kleidung, Wohnung bei entwickelter Kultur selbst für die bescheidensten Verhältnisse durchgängig in anderer Weise Befriedigung suchen und finden wie zur Zeit des Anfangs der Kultur oder auf niederer Stufe. Der Minimalbedarf eines Indianers oder Austrainegers unter- scheidet sich beträchtlich von dem eines europäischen Arbeiters usw. Auch sind Existenzminimum und „Darbeminimum* keineswegs gleichbedeutende Begriffe.

' Brentano (Versuch einer Theorie der Bedürfnisse 1908) glaubt, die Bedürfnisse nach ihrer Dringlichkeit in folgender Reihe ordnen zu können: 1. Bedürfnis der Lebenserhaltung (Nahrung, Kleidung, Wohnung, Erholung), 2. geschlechtliche Bedürfnisse, 3. Anerkennung, 4. Fürsorge für Wohlbefinden nach dem Tode, 5. Erheiterung, 6. Vor- sorge für die eigene Zukunft und die der Angehörigen, 7. Heüung, 8. Reinlichkeit. 9. Bildung in Wissenschaft und Kunst. Nicht alle diese Bedürfnisse gehören der wirt- schaftlichen Sphäre an. Bei Aufstellung solcher Reihen wird das subjektive Ermessen stets eine große Rolle spielen.

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Erstes Kapitel. Natur und Mensch.

§ 1. Der Mensch Herr der Welt nach Gottes Gebot.

Unter , Lebenshaltung", Standard of life, Lebensmaßstab * versteht man den darch Sitte und Gewohnheit bestimmten Umfang und Grad der Be- dürfnisbefriedigung, den gewohnheitsmäßigen Aufwand in Befriedigung nicht bloß der Existenz-, sondern auch der Anstands* und Luxusbedürfnisse. Julius Lehr ' nennt „Lebenshaltung" das, was der Mensch braucht, um die von ihm errungene Kulturhöhe, Bildung und Gesittung zu behaupten. Der Begriff „Lebens- haltung" ist kein bloß physiologischer, sondern ein kultureller und sozialer Be- griff; er nimmt auch auf geistige und moralische Güter Bezug; man muß von diesen Notiz nehmen, um das Quantum der materiellen Güter kennen zu lernen, das zur Behauptung des Standard of life erforderlich ist. Die Lebenshaltung ist femer keine feste, sondern eine veränderliche, räumlich und zeitlich verschiedene, ja innerhalb derselben Gesellschaft von Klasse zu Klasse („Klassenbedarf", „standesgemäßer Unterhalt") nach den mannigfaltigen sozialen Ab- stufungen wechselnde Größe.

Der Normalbedarf einer gesellschaftlichen Schicht mit und in gleichen Verhältnissen stellt jeweilig eine Größe von einigermaßen festerer und faßbarerer Gestaltung dar. Der über die allgemeinen Klassen- oder Standesanschauungen und Standesgewohnheiten hinausgehende, wenn auch noch „zulässige", Aufwand wird als Luxus bezeichnet. Luxus ist in gewissem Umfange ebenfalls ein relativer Begriff. Was in früheren Zeiten Luxus war, kann heute zum standes- gemäßen Leben gehören. Luxus findet sich nicht nur in dem, was als Überfluß oder Übermaß von Aufwendungen gilt, sondern auch in der Art der Aufwendung. Man spricht von Verschwendung, wo die Aufwendung nicht im Einklang bleibt mit den Einkommensverhältnissen einer Person, bzw. allgemein, wenn der Aufwand in Art und Maß des Güterverbrauchs durch kein noch so weitherzig bemessenes Bedürfnis gerechtfertigt wird*.

Je nachdem das Subjekt der Bedürfnisse eine einzelne physische Person oder eine Gesamtheit von Personen ist, unterscheidet man zwischen

d) In di vi dual -(Einzel-) und (Gemein- oder) Kollektivbedürfnissen. Wie die Individuen, ihre Eigenschaften, ihre Leistungsfähigkeit, so sind auch die individuellen Bedürfnisse sehr verschieden. Wollte man daher unter eine Anzahl von Individuen quantitativ und qualitativ gleiche Be- friedigungsmittel verteilen, so würde dadurch bei den einzelnen keines- wegs die gleiche Befriedigung, der gleiche Genuß, ja wohl bei manchen überhaupt keine wirkliche Befriedigung erzielt werden können.

Gemein- oder Kollektivbedürfnisse sind solche, als deren Subjekt die Gesamtheit erscheint (Hermann).

Die Terminologie ist übrigens keine feste. Wagner' z. B. nennt Individual- bedürfnisse diejenigen, »welche aus dem physisch-geistigen Wesen des einzelnen

» Grundbegriffe « 52.

' Im Hinblick auf die besitzenden Klassen wird zuweilen von «Eomfort* gesprochen, der den Inbegriff der Verbrauchsgüter darstellt, die nach der herrschenden Standes- anschannng zu einer angenehmen und behaglichen Lebensgestaltung von nöten sind.

' Grundlegung I 828 f. Vgl. dagegen Groß, Wirtschaftsformen und Wü-tschafts- prinzipien (1888); Artikel „Gemeinwirtschaft' im Handwörterbuch der Staatswissen- Schäften IV» 165.

als solchen", und , Gemeinbedürfnisse (Kollektivbedürfnisse), welche beim einzelnen aus dessen Angehörigkeit zu menschlichen Gemeinschaften hervorgehen. . . . Die Gemeinbedürfnisse sind daher eine Konsequenz der sozialen (gesellschaftlichen) Natur des Menschen. Sie ergeben sich aus den Verhältnissen des menschlichen Zusammenlebens in verschiedener Weise nach den Zwecksatzungen der Gemein- schaften, welchen der einzelne als Glied angehört". Wir unterscheiden zwar auch zwischen den rein individuellen und den sozialen Bedürfnissen des einzelnen, stellen diese zusammen aber als Individualbedürfhisse der Einzelpersönlichkeit den Gemeinbedürfoissen menschlicher Gemeinschaften, der Kollektivpersönlich- keiten, gegenüber. Auf höheren Kulturstufen gewinnen die gesellschaftlichen Bedürfnisse an Ausdehnung, Kraft und Bedeutung ^

Erfordert die Wohlfahrt öffentlich-rechtlicher Gemeinschaften Befriedigung von Bedürfnissen, z. B. wo es sich um Existenz, Betätigung und gedeihliche Entwicklung und Zweckerfüllung von Staat, Provinz, Gemeinde handelt, so werden diese Bedürfnisse selbst auch als öffentliche bezeichnet. Dient aber die Be- friedigung von Bedürfnissen unmittelbar lediglich dem Privatwohle, so nennt man die Bedürfnisse private.

5. Psychologie und nationalökonomisclie Lehre von den Bedürfnissen.

Für die Analyse des Wirtschaftslebens werden sichere Ergebnisse der psychologischen Forschung nicht ohne Bedeutung sein. Doch darf man 1. die Nationalökonomie nicht mit wert- und haltlosen psychologischen Hypothesen belasten ; 2. in dem Streben nach psychologischer Fundamen- tierung der Nationalökonomie nicht zu weit gehen ; 3. keine Vermengung der beiden Wissenschaften herbeiführen. Die Psychologie hat es mit inneren Erlebnissen zu tun, die Nationalökonomie aber mit dem Handeln des Menschen als eines vernunftbegabten, freien, sittlichen Wesens, unter der Einwirkung verschiedener nach Sättigung verlangender Bedürfnisse, bei Begrenztheit der zur Verfügung stehenden Sachgüter und Arbeitskräfte, unter Konkurrenz mit ähnlichen Bedürfnissen behafteter Men- schen um die Sättigungsmittel; 4. darum wird man auch die Lehre von den Bedürfnissen des Menschen nicht mit psychologischen Erwägungen und Feststellungen über äußere Reize, innere Empfindungen, Lust- und Unlust- gefühleg u. dgl., unter Vernachlässigung der rationalen Momente und

' Ch. L. Raper, The Principles of Wealth and Weifare (1906).

2 Das Maß des Wohlgefühls, das die Befriedigung eines Bedürfnisses hervor- ruft, wird nach Brentano (Versuch einer Theorie der Bedürfnisse) bedingt durch die mdividuelle Reizempfindlichkeit und durch den Sättigungsgrad. Um eine Empfindung hei-vorzurufen, ist ein Reiz von bestimmter Größe erforderiich ; jeder weitere Zuwachs steigert die Empfindung bis zum .Optimum" ; bei weiterer Reizzunahme er- folgt eme Abnahme bis auf null (Weber-Fechnersches Gesetz). Brentano beschränkt mdes die Anwendung dieses Gesetzes, indem er dasselbe von den unbegrenzten geistigen Bedürfnissen ausschließt; doch finde sich auch bei jenen eine Abnahme der Reiz- empfindhchkeiten für die einzelnen Genußemheiten. Selbst wenn die Anwendung des Weber-Fechnerschen Gesetzes hier wissenschaftlich zulässig wäre, würde für die national- ökonomische Erkenntnis nicht gerade viel gewonnen sein. Vgl. im übrigen die ab-

vvvTT !?ni^^"'"^'° ^^"^ "^^^^'^ '"^ ^^^^»^ f^^ Sozialwissenschaft und Sozialpolitik aXVII (1908) 546 flf.

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Erstes Kapitel. Natur und Mensch.

Motive, abschließen wollen. Die menschliche Bedürfnisbefriedigung hat in der Erhaltung und Förderung des Lebens höhere Zwecke als Lust- befriedigung und Unlustüberwindung, und eben deshalb eine andere Be- stimmung und Begrenzung wie das bloße „Begehren".

Nach der Intensität und Wichtigkeit der Bedürfnisse mag die Ver- nunft zwar schätzungsweise eine , Stufenleiter* der Bedürfnisse auf- stellen. Für die exakte Messung der Bedürfnisse aber, in sich und vergleichsweise, fehlt der Maßstab, die Maßeinheit^. Selbst wenn man den Begriff des Bedürfnisses ausschließlich mit der „Empfindung" ver- knüpfen könnte, so sind doch die „Empfindungen" stark individuell und auch die individuellen Empfindungen höchst wechselvoll.

6. Sittliche Grenze der Bedürfnisse. „Nicht eine ziellose Steigerung und Änderung der Bedürfnisse ist es", sagt A. Schäffle^, „was von der Wirtschaft verlangt und erstrebt wird, sondern die Ausdehnung der Be- dürfnisse bis zum Maße der Entfaltung und Erhaltung einer reich aus- gebildeten Persönlichkeit, fortschreitend von den wichtigsten zu den minder wichtigen Bedürfnissen und inhaltlich wechselnd nach Maßgabe der allmählichen Umbildung und Entwicklung sittlich-persönlichen Lebens. Die wirtschaftlich richtige Bedürfnisgestaltung ist die an wahrer Bildung fruchtbarste Bedürfnisgewöhnung. . . . Unsere Wissenschaft hat wieder- holt den Fehler begangen, jede Bedürfniserweiterung zu preisen. Nur die an sittlicher Bildung und Beglückung möglichst reiche Bedürfnis- gestaltung darf von ihr gebilligt werden." ^

Die bloß triebhafte Begierde nach Genuß ist in sich ohne genügende Schranke und daher leicht maßlos ; auch die objektive Möglich- keit des Genusses bietet keine ausreichende Grenze der Bedürfnis- befriedigung. Das rationale Streben dagegen richtet sich auf ein Optimum in Sättigung der verschiedenen miteinander konkurrierenden Bedürfnisse, auf die materielle Wohlfahrt, die als wahre Wohlfahrt im Einklang steht mit der Gesamtwohlfahrt des Menschen. Daher findet die Bedürfnisbefriedigung eine regelnde Norm in den höheren Zielen des menschlichen Lebens. Es bedarf der geistigen, sittlichen Ord- nung, um hier die rechte Auswahl und das rechte Maß zu sichern. Der Mensch muß auch entsagen können. Nur insoweit ist er wirklich Herr der Welt, wie er es versteht, Herr seiner selbst zu werden.

* Vgl. Franz Cnhel, Zur Lehre von den Bedürfnissen (Cuhel ist Anhänger der Gren znntzentheori e) .

* Das gesellschaftliche System der menschlichen Wirtschaft I 101. E. de Lave- leye, Elements d'Economie politique, Paris 1882, 23.

^ Es ist wohl richtiger gedacht als ausgedrückt, wenn Paul Cauwes (Cours d'Eco- nomie politique I [1893] 247) bemerkt: ,Le mal moral r^sulte de la direction vicieuse, que nous donnons aux besoins et non de leur ^tendue, de leur vari^t^.**

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§ 2. Die Arbeit als Mittel der Weltbeherrschung. 9

§2. Die Arbeit als Mittel der Weltbeherrschung.

Literatur: A. M. Weiß, Soziale Frage und soziale Ordnung oder Institutionen der Gesellschaftslehre* (1904) 349 f 385 ff. Klopp, Die sozialen Lehren des Freiherrn Karl von Vogelsang, Grundzüge einer christlichen Gesellschafts- und Volkswirtschafts- lehre (1894) 55 161 169 ff 175. S. Weber, Evangelium und Arbeit, apologetische Erwägungen über die wirtschaftlichen Segnungen der Lehre Jesu (1898). Stamm, Geschichte der Arbeit (1871). Weinhold, Geschichte der Arbeit (1896). G. Jäger, Die menschliche Arbeitskraft (1878).— A.Wagner, Grundlegung P, 1, 70 ff. Schmoller, Grundriß I 2 f 39 f 185 ff. Dietzel, Theoretische Sozialökonomik (1895) 156 ff. Antoine, Cours d'Economie sociale« (1899) 308—312. W. Sombart, Der moderne Kapita- lismus. I: Die Genesis des Kapitalismus (1902) 3 ff ; Technik und Wirtschaft, Vortrag, gehalten zu Dresden im Auftrage der Gehe-Stiftung (1901). Neumann, Grundlagen 1 ff. Herkner, Die Bedeutung der Arbeitsfreude* (1905). Bücher, Arbeit und Rhythmus* (1909). Bochtler, Die Arbeit« (1910). Harms, Arbeit, im Wörterbuch der Volkswirt- schaft I » 121 ff; im Handwörterbuch der Staatswissenschaften I ' 572 ff. K. J. Fuchs, Volkswirtschaftslehre (1901) 12 f. M. Block, Les Progres 273 ff 301 ff. Die Lehr- bücher von Rau, Hermann, Röscher, v. Schäffle, das Handbuch von Schönberg usw.

Der Mensch, in seiner sinnlich-vernünftigen Natur zum Herrn der äußeren Welt bestimmt und befähigt, erwirbt diese Herrschaft und nützt sie aus durch Arbeit.

7. Begriff und Wesen der Arbeit. Arbeit ist planmäßige An- und Aufwendung menschlicher Kraft zur Hervorbringung oder Erlangung eines Gutes oder Nutzens.

Die Arbeit ist menschliches Wirken und darum persönliche Betätigung; Aufwendung menschlicher, d. i. geistiger und körper- licher Kraft, abzielend auf einen Nutzen, ein Gut, zur Befriedigung und in Verwirklichung jener Bedürfnisse und Zwecke, die sich aus der Natur des Menschen und den Aufgaben des Menschenlebens ergeben.

Die menschliche Arbeitskraft ist in ihrer Wurzel Gottes Gabe, Bestandteil der natürlichen Ausstattung der menschlichen Persönlichkeit, in ihrer Erhaltung und Entfaltung unmittelbares Ergebnis und Teil der menschlichen Lebenskraft. Es wäre eine Verkennung dieser unbestreit- baren Wahrheiten, wenn man die Arbeitskraft und Arbeitsbetätigung in sich betrachtet auf dieselbe Stufe mit materiellen Dingen stellen *, die

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* „Die menschliche Arbeit", sagt Wilhelm Lexis (AUg. Volkswirtschaftslehre [1910] 49), „ist auch als gewöhnliche Handarbeit nicht einfach eine mechanische Leistung, sondern die Tätigkeit einer Persönlichkeit, deren Menschennatur nicht vergessen werden darf. Die Maschinen sind also nur Mittel zur Steigerung der Produktivität der Arbeit derjenigen, die sie bedienen und überwachen." Als Betätigung der mensch- lichen Persönlichkeit, als persönlicher aktiver Produktionsfaktor steht die Arbeit ebenfalls im Gegensatz zu den Gütern als ihren Produkten: ,Wenn wir sagen, Güter seien äußere Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, so ist damit die mensch- liche Persönlichkeit aus diesem Begriffe ausgeschieden, denn diese darf nie bloßes Mittel für Zwecke eines andern sein, so lange ihre Freiheit und Würde an- erkannt wird."

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